Jörg Rhiemeiers Musikseiten

Was ist Progressive Rock?

Wenn ich nach meiner Lieblingsmusikrichtung gefragt werde und sage, "Progressive Rock", dann folgt oft die Frage, "Was ist denn das?". Denn viele Leute, selbst viele Musikkenner, haben von dieser Musikrichtung noch nie etwas gehört. Selbst viele Handbücher und Lexika der Rockmusik hüllen sich zu diesem Stichwort in Schweigen; es wird nie gesagt, dass es so etwas wie "Progressive Rock" überhaupt gibt oder je gegeben hat. Und wenn doch, dann wird der Progressive Rock nur flüchtig am Rande erwähnt als eine der vielen merkwürdigen Geschmacksverirrungen der späten 60er und frühen 70er Jahre, die nun gottseidank überwunden sind. Der Coolness-Wert des Progressive Rock würde wohl nur noch von einem gemeinsamen Auftritt von Tokio Hotel und DJ Bobo in der Show von Florian Silbereisen unterboten. (Die Wikipedia und der Brockhaus verzeichnen aber immerhin einen Stichwortartikel, wovon der Artikel in der Wikipedia sogar gut und sehr lesenswert ist; der im Brockhaus, vermutlich vom Materiekenner Bernward Halbscheffel verfasst, ist kürzer, aber immerhin korrekt und sachkundig sowie angenehm untendenziös.)

So bin ich dann in der Regel gezwungen, Beispiele zu nennen - aber von den meisten Bands (wie zum Beispiel Marillion oder Dream Theater) haben nur wenige Leute je gehört, und was die bekannteren (wie Yes und Pink Floyd) anbetrifft, so genügt ihre Erwähnung auch nicht, um ein klares Bild hervorzurufen, vor allem erweckt das dann den Eindruck, es ginge mir irgendwie um Musik der 70er Jahre. Das ist aber nicht richtig, denn Progressive Rock erlebte zwar seine höchste Blüte in den 70ern, aber ist einerseits noch heute lebendig - und ich persönlich interessiere mich bei aller Würdigung der Klassiker am meisten für den modernen Progressive Rock der Gegenwart -, andererseits war selbst in den 70ern natürlich längst nicht alles Progressive Rock.

Progressive Rock ist also eine Art "Leiche im Keller" der Rockmusik, über die die Rockszene nicht gern spricht. Da war vielleicht mal was, aber das ist bis auf ein paar Unverbesserliche vorbei, und hätte nie sein sollen, also reden wir nicht darüber. Erst seit kurzem taucht der Begriff, in der Regel in der Kurzform "Prog-Rock", wieder ab und zu in der Musikpresse auf, aber meist ist dann etwas damit gemeint, was wenig bis gar nichts mit Progressive Rock zu tun hat (mehr zu diesem Missverständnis weiter unten); die Mauer des Schweigens steht nach wie vor unerschüttert.

Aber nun genug des einleitenden Geschwätzes, kommen wir zu der Frage, "Was ist denn nun Progressive Rock?"

Definition

Progressive Rock ist eine Musikrichtung, die sich in den späten 1960er Jahren in Großbritannien aus dem damaligen Rock-Mainstream entwickelte und in den folgenden Jahren auch in anderen Ländern Fuß fasste. Sie ist ein Kind der links-intellektuellen Alternativkultur der damaligen Zeit. Erste Tendenzen in Richtung zum Progressive Rock sind schon im Spätwerk der Beatles zu finden. Diesen folgten dann die ersten "echten" Progressive-Rock-Gruppen wie Yes, Pink Floyd, Genesis, King Crimson, Van der Graaf Generator, Jethro Tull und Emerson, Lake & Palmer. Der Progressive Rock ist keine Teenagermusik mehr, sondern wendet sich vor allem an erwachsene Hörer und versteht sich als musikalisches Ausdrucksmittel einer kulturell progressiven Geisteshaltung. Insofern hat das Adjektiv "progressive" eine Doppelbedeutung: es steht sowohl für künstlerischen Fortschritt gegenüber dem traditionellen Rock als auch für sozialen und kulturellen Fortschritt gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft.

Progressive Rock ist im Wesentlichen durch folgende Merkmale gekennzeichnet:

Geschichte

Der Progressive Rock hat zwei Wurzeln. Auf der einen Seite der Rock'n'Roll, auf der anderen Seite die linksintellektuelle Alternativkultur. Beide begannen sich in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg auszubilden, hatten aber lange Zeit nichts miteinander zu tun. Der Rock'n'Roll, eine Adaptation des afroamerikanischen Rhythm & Blues, war bis Mitte der 60er Jahre eine Musik, die sich vor allem an Jugendliche richtete, die zumeist aus der weißen Arbeiterklasse der USA, bald auch anderer westlicher Länder, kamen. Der intellektuelle Anspruch des Rock'n'Roll war gering: es waren fast ausschließlich Liebeslieder, oder zumindest solche, die "jugendrelevante" Themen wie Schule und Freizeitvergnügen (Partys, Sport, Strandleben, Cruising) behandelten. Die progressiven jungen Intellektuellen aus der Mittelschicht hingegen hörten in den 50er und frühen 60er Jahren keinen Rock'n'Roll, sondern modernen Jazz und Folk. Ihre musikalischen Heroen waren nicht Chuck Berry und Elvis Presley, sondern Charles Mingus und John Coltrane sowie Joan Baez und Bob Dylan (der damals noch kaum als Rockmusiker gelten konnte - erst 1965 griff er zur E-Gitarre und löste damit einen mittleren Skandal aus). Der Gegensatz zwischen "Jazzern" und "Rockern" schien unüberbrückbar.

Erst in der Mitte der 60er Jahre kamen die beiden Strömungen zusammen. Der Rock'n'Roll, vor allem in Gestalt der britischen Beatbands, allen voran der Beatles, kam auch bei der Mittelschichtjugend in Mode. Als diese Jugendlichen erwachsen wurden, entwickelten sie ein Bedürfnis nach anspruchsvollerer Musik. Zu jener Zeit befand sich die akademische Musik im Würgegriff der bitterernsten, unzugänglichen Avantgarde; zugleich entwickelte sich auch der Jazz zu einer "verkopften" Musik, die der Avantgarde hinterherlief, der akademischen Musik an Verkniffenheit kaum nachstand und zunehmend den Eindruck erweckte, als ginge es nur noch darum, instrumentales Können unter Beweis zu stellen, ohne etwas auszusagen (und auch viele "Jazzer" entfremdete, die nun woanders nach einer neuen Musik suchten, die zugleich anspruchsvoll war und Spaß machte).

Es musste also etwas Neues her. Diese neue Musik, die Anspruch und Spaß verbinden konnte, wurde auf der Basis des Rock'n'Roll entwickelt. Erste Ansätze zu einer intellektuelleren Rockmusik sind schon im Spätwerk der Beatles (etwa ab 1966) zu erkennen; in der Hauptsache waren es jedoch neugegeründete Bands, die den Rock'n'Roll zu einer "erwachsenen", anspruchsvollen Musik umformten. Sie sprengten den Rahmen des Songs, entlehnten komplexere Formen aus akademischer Musik (eher des 19. und frühen 20. Jahrhunderts als der Gegenwart), Jazz und bisweilen auch "exotischen" Musikkulturen (vor allem indische Musik stand hoch im Kurs, wobei die Komplexität der traditionellen indischen Musik aber kaum ausgelotet, sondern meistens im Grunde genommen nur westliche Musik auf einer Sitar gespielt wurde). Die traditionelle Rockbesetzung aus Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug wurde erweitert, vor allem um elektronische Tasteninstrumente. Die Texte wurden anspruchsvoller und thematisch vielfältiger und brachten die progressive Geisteshaltung der Alternativkultur zum Ausdruck. Der Progressive Rock (die Bezeichnung wurde von Musikjournalisten und -industrie geprägt) war geboren.

Vorreiter in dieser Entwicklung war Großbritannien, doch fand die neue Musik bald auch den Weg über den Ärmelkanal und den Atlantik. Anfangs war der Progressive Rock eine "Studentenmusik", doch etwa ab 1969 wurde Progressive Rock zu einer der populärsten Richtungen der Rockmusik. Die Konzerte wurden immer größer, die Verkaufszahlen der Platten (fast ausschließlich Langspielplatten; die Single mit ihrem engen Zeitrahmen spielte im Progressive Rock keine große Rolle) stiegen ebenfalls. Von der Musikpresse wurde der Progressive Rock oft in höchsten Tönen gelobt und als "klassiche Musik der Zukunft" angepriesen. Der Progressive Rock strahlte auch auf andere Musikrichtungen aus. Einflüsse sind etwa im Hardrock (z. B. Meat Loaf), im Musical und selbst in der bürgerlichen Unterhaltungsmusik jener Zeit (etwa in dem Stück Music von John Miles) zu finden; viele Bands, die eigentlich nicht dem Progressive Rock zugehörten, hatten das eine oder andere "proggige" Stück im Repertoire.

Das Echo war allerdings geteilt. Der Progressive Rock hatte auch seine vehementen Gegner, die darin einen Verrat am "reinen" Rock'n'Roll sahen, und "puristischere" Formen wie Blues oder Hardrock favorisierten. Überhaupt darf man nicht vergessen, dass Progressive Rock in den frühen 70er Jahren zwar sehr populär und kommerziell erfolgreich, aber keineswegs die dominante oder auch nur populärste Musikrichtung war. Die größten Verkaufserfolge fuhren schon damals anspruchslose Pop-Produktionen ein; auch andere Spielarten der Rockmusik waren nicht minder populär als der Progressive Rock.

In der zweiten Hälfte der 70er Jahre veränderte sich die Rezeption des Progressive Rock dramatisch. Die Gegner setzten sich auf breiter Front durch. In Großbritannien brach die Punk-Revolte aus, die sich rasch auf andere Länder ausbreitete. Die Punk-Bewegung, die ihren Ursprung in der desillusionierten englischen Arbeiterjugend hatte, aber rasch zu einer Modeerscheinung wurde, wandte sich sowohl gegen die bürgerliche Leitkultur als auch gegen die linksintellektuelle Alternativkultur. Eine neue Generation von Musikjournalisten wurde zu Propagandisten dieser Bewegung. Nun war Progressive Rock nicht mehr die "klassische Musik der Zukunft", sondern galt als uncool und überholt. Von diesem Schlag hat sich diese Musikrichtung bis heute nicht mehr richtig erholt.

Warum wurde der Progressive Rock so leidenschaftlich bekämpft und wird bis heute von einem großen Teil der Massenmedien totgeschwiegen? Vielleicht liegt es daran, dass diese Musikrichtung in einer ganz besonderen Weise subversiv ist. Punk, Heavy Metal und Hip-Hop gebärden sich weitaus aggressiver gegen das "System", aber ihr Aufschrei ist resignativ. Diese Musikrichtungen vermitteln eine Haltung, der zufolge die herrschenden Verhältnisse zwar ungerecht, aber nicht zu verändern sind. Damit kann das Establishment gut leben. Der Progressive Rock hingegen gebärdet sich zwar weniger aggressiv, geht aber einen wesentlichen Schritt weiter, indem er signalisiert, dass Veränderungen möglich sind. Diese progressive Haltung ist für das Establishment ein viel größeres Problem.

Ein weiterer Aspekt mag das sein, was mit dem Stichwort "boring old farts" (etwa: "langweilige alte Säcke") umschrieben wurde. Progressive Rock ist eine Musikrichtung, in der es selten zu Skandalen kommt. Drogenexzesse, Prügeleien und andere Auffälligkeiten sind für Progressive-Rock-Musiker untypisch. Und bekanntlich haben Skandale einen größeren "Nachrichtenwert" als musikalische Finessen.

Hinzu kommt natürlich die Musik selbst. Die Massenmedien sind zu einem großen Teil an der Single orientiert, und Singles spielen im Progressive Rock keine große Rolle. Die meisten Stücke sind hierfür einfach zu lang, und passen nicht in das Schema von MTV und Top-40-Radio. Das Medium des Progressive Rock war immer das Album, und für die Präsentation eines Konzeptalbums fehlt in den genannten Medien schlichtweg die Zeit.

Das Ende aber war das nicht. Abseits des Mainstreams blieb der Progressive Rock weiterhin lebendig. Zwar hatte man bald den Eindruck, als hätten die meisten der klassischen Bands ihr kreatives Pulver verschossen, doch formierten sich Ende der 70er Jahre neue Gruppen, die den Progressive Rock in modernisierter Form, im sogenannten Neoprog in England und dem Powerprog in Nordamerika, weiter pflegten und der Musikrichtung neue Impulse gaben. Einige Neoprogbands erzielten sogar bescheidene Chartserfolge. Auch in den folgenden Jahrzehnten blieb der Progressive Rock in Bewegung. In den späten 80er Jahren traten Progressive Metal und Retroprog in Erscheinung, die den Progressive Rock in unterschiedliche Richtungen weiterentwickelten. Gemeinsam prägten diese Stile zusammen mit dem weiterlebenden Neoprog den Progressive Rock der 90er Jahre. In den 90er Jahren formierte sich eine Szene, die sich über das Internet vernetzte und so von der Mainstream-Musikpresse unabhängig war.

Nach 1995 kamen Musikformen auf, die Elemente des Progressive Rock aufgreifen und mit Alternative Rock verbinden. Damit versucht der so genannte Nu Prog die gegnerischen Traditionen des Progressive Rock und der Punk-Revolution miteinander auszusöhnen; es handelt sich hierbei freilich um eine sehr heterogene Strömung, in der oft nur ein schwacher Progressive-Rock-Einfluss zu erkennen ist.

Man kann die Geschichte des Progressive Rock in aufeinanderfolgende "Wellen" oder Generationen untergliedern, die in Abständen von etwa 10 Jahren aufeinander folgen und jeweils bestimmten Stilen entsprechen:

  1. Proto-Prog, Klassischer Progressive Rock, Art Rock, Canterbury Sound, Avant-Prog, Krautrock (seit 1967)
  2. Neoprog, Powerprog (seit 1977)
  3. Retroprog, Progressive Metal (seit 1987)
  4. New Artrock, Nu Prog (seit 1997)

Stile

Progressive Rock ist nicht gleich Progressive Rock. Die Musikrichtung ist sehr vielfältig und hat sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert und weiterentwickelt. Man kann daher verschiedene Stile unterscheiden. Es ist sicher nicht sinnvoll, das Klein-Klein der Metaller und der Elektroniktanzmusiker mit ihren über 100 Stilbezeichnungen, die sich nur dem Eingeweihten erschließen, zu kopieren, aber eine gewisse Klassifikation ist doch sinnvoll.

Proto-Prog

"Proto-Prog" ist eine im Nachhinein geprägte Bezeichnung für frühe Musik, die bereits mehrere Merkmale des Progressive Rock aufweist. Solche Musik entstand ab ca. 1966 in England. Hierzu sind unter anderem Procol Harum, Moody Blues und sogar einige späte Stücke der Beatles zu rechnen. Die Grenze zum Psychedelic Rock ist hier fließend (so lassen sich etwa die frühen Pink Floyd beiden Genres zuordnen).

Klassischer Progressive Rock

Darunter ist der Progressive Rock der Zeit von ca. 1969 bis ca. 1977 zu verstehen. Es handelt sich um die Blütezeit des Progressive Rock, als diese Musikrichtung noch von der Musikpresse gefeiert und nicht verfemt wurde. Der klassiche Progressive Rock entwickelte sich in der zweiten Hälfte der 60er Jahre aus dem traditionellen Rock und verschiedenen Experimenten, die oft unter der Bezeichnung "Psychedelic Rock" zusammengefasst werden. Der klassische Progressive Rock ist in sich sehr vielfältig; wenn man etwa Yes, King Crimson und Emerson, Lake and Palmer miteinander vergleicht, wird man viele Unterschiede feststellen; die Bands sind ganz und gar nicht miteinander zu verwechseln. Dennoch haben diese Gruppen doch sehr vieles gemeinsam, nämlich jene Züge, die oben unter Definition zusammengefasst sind.

Der klassische Progressive Rock enstand in England, und die englischen Gruppen sind auch die weltweit bekanntesten. Von dort breitete sich der klassische Progressive Rock bald in alle Länder der westlichen Welt und zum Teil darüber hinaus aus. So formierten sich auch unter anderem in Westdeutschland (Hölderlin, Eloy, Triumvirat u.a.) und in Italien (u.a. Premiata Forneria Marconi, Banco del Mutuo Soccorso) einige bemerkenswerte Gruppen. Auch in den USA (u.a. Kansas) entstanden Progressive-Rock-Bands. Selbst jenseits des Eisernen Vorhangs und in Lateinamerika entstanden Progressive-Rock-Bands, die den widrigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen trotzten.

Art Rock

Unter Art Rock versteht man eine "gemäßigte", weniger virtuose Erscheinungsform des Progressive Rock, die in den 70er Jahren aufkam. Im Vergleich zum klassischen Progressive Rock sind die Arrangements schlichter und geradliniger, es wird mehr Wert auf Atmosphäre als auf ausgefeilte Spieltechnik gelegt, was diese Musik auch Amateurmusikern leichter zugönglich macht. Abgesehen davon sind die meisten Merkmale des Progressive Rock auch im Art Rock vorhanden. Die bekannteste Art-Rock-Band ist zweifellos Pink Floyd; als weitere Beispiele sind The Alan Parsons Project, Barclay James Harvest, The Moody Blues und Supertramp zu nennen. Eine neuere Erscheinungsform des Art Rock ist der New Artrock.

Canterbury Sound

Unter der Bezeichnung Canterbury Sound versteht man eine Nebenlinie des klassischen Progressive Rock, deren bekanntester Vertreter die Band Soft Machine ist. Der Canterbury Sound, benannt nach der Stadt Canterbury in Südostengland, aus deren Musikszene viele Gruppen des Canterbury Sound hervorgingen, ist durch eine weniger "bombastische" und stärker jazzorientierte Spielweise geprägt. Der Canterbury Sound stand stets im Schatten der bekannteren klassischen Bands, wird jedoch von Kennern um so höher geschätzt.

Avant-Prog

Aus dem Canterbury-Sound ging Anfang der 70er Jahre der Avant-Prog hervor, der Anleihen an der musikalischen Avantgarde nahm. Bedeutendste Vertreter sind Henry Cow, Univers Zero und Magma, von denen die letzteren eine Kunstsprache, das "Kobaianische", verwendeten. Der Publikumserfolg dieses ziemlich sperrigen Stils war eher gering, aber er hat bis heute seine Fangemeinde, die diese Musik - nicht zu Unrecht - als interessanter empfindet als den Prog-Mainstream vom klassischen Prog über den Neoprog zum Progressive Metal.

Krautrock

In Deutschland entstanden in den späten 1960er Jahren zahlreiche Rockbands, die in ähnlicher Weise wie die britischen "klassischen" Progressive-Rock-Bands die Grenzen der Rockmusik zu erweitern suchten. In der englischsprachigen Presse wurde hierfür die Bezeichnung Krautrock (nach kraut, einem Spitznamen für Deutsche) geprägt. Die Krautrock-Bands waren im Vergleich zum klassischen Progressive Rock jazziger und psychedelischer. Bedeutende Vertreter waren Amon Düül, Can und Kraan. Insgesamt gesehen ist "Krautrock" aber ein ziemlich schwammiger Begriff, der oft generell für Rockmusik aus Deutschland verwendet wird.

Neoprog

Als Neoprog wird ein Stil des Progressive Rock bezeichnet, der in den späten 70er Jahren in Großbritannien aufkam; seine bedeutendsten Vertreter sind Marillion, IQ und Pendragon. Die Neoprog-Bands orientierten sich vor allem an Genesis, integrierten aber auch damals moderne New-Wave- und Hardrock-Elemente in ihre Musik. Darüber hinaus wirkte sich auf das Klangbild des Neoprogs aus, dass anstelle der "klassischen" Tasteninstrumente wie Hammondorgel, Mellotron und analoger Synthesizer digitale Synthesizer (z.B. Yamaha DX7) eingesetzt wurden, die einen ganz anderen Klangcharakter aufwiesen. Diese Synthesizer dienen im Neoprog vor allem dazu, orchesterähnliche Klangteppiche auszulegen. Die Texte sind zum Teil direkter politisch (etwa bei den frühen Marillion), doch kommen auch Fantasy-Thematiken vor (so vor allem bei Pendragon, deren Bandname aus der Artussage stammt, aber auch bei Marillion, die sich ebenfalls nach einer Fantasy-Geschichte, dem Epos The Silmarillion von J. R. R. Tolkien, benannt haben).

Powerprog

Etwas früher als der britische Neoprog formierte sich in den USA und Kanada der Powerprog, eine Synthese aus klassichem Progressive Rock und Hardrock. Als Vorreiter dieser Stilrichtung können Kansas, Rush und Styx gelten. Gegenüber dem klassichen Progressive Rock war eine "härtere", stärker gitarrenbetonte Spielweise charakteristisch, während die Sujets besonders gern aus der Science Fiction geschöpft wurden. Dagegen spielt die New Wave keine besondere Rolle im Powerprog. Der Stil war in den USA und Kanada populärer als Neoprog, während es sich in Europa umgekehrt verhielt. In den 80er Jahren entwickelte sich ausgehend vom Powerprog der Progressive Metal.

Retroprog

Retroprog ist ein merkwürdiges Wort: retro heißt 'rückwärts' und progressiv heißt so viel wie 'vorwärts'. Na was denn nun? Jedenfalls ist es die übliche Bezeichnung für einen Ende der 80er Jahre aufgekommenen Stil des Progressive Rock, der seltener auch "neoklassischer Progressive Rock" genannt wird. Retroprog steht für eine Rückbesinnung auf den klassischen Progressive Rock in Reaktion auf den Neoprog, wobei der klassische Prog freilich nicht kopiert, sondern modern weiterentwickelt wird. Dazu trägt auch bei, dass der technische Fortschritt auf dem Gebiet der Digitalsynthesizer befriedigende Nachbildungen der Klänge der klassischen Tasteninstrumente ermöglicht, obgleich viele Gruppen auf die Originalinstrumente zurückgreifen. Der Retroprog atmet wieder stärker als der "80er-mäßige" Neoprog den "Spirit" der 60er und 70er Jahre. Er war von Anfang an ein internationales Phänomen; bedeutende Bands kommen unter anderem aus Schweden (The Flower Kings) und den USA (Spock's Beard). Auch die britische Band Porcupine Tree lässt sich mit Vorbehalt, vor allem was ihre frühen Werke betrifft, hierher verorten, wandte sich aber später dem New Artrock zu.

Progressive Metal

Progressive Metal kam in der Nachfolge des Powerprog Ende der 1980er Jahre in Nordamerika auf, verbreitete sich rasch auch in anderen Weltregionen und ist bis heute sehr lebendig. Es handelt sich um eine Verbindung von Progressive Rock und Heavy Metal (auch wenn es Metal-Puristen gibt, die bezweifeln, dass es sich hierbei um Metal handelt, und andererseits Jünger des klassischen Prog, die ihm das Attribut "Progressive" streitig machen).

Die bekanntesten Vertreter des Progressive Metal sind Dream Theater, Queensrÿche, Pain of Salvation und Ayreon. Diese Musik stellt eine Weiterentwicklung des Powerprog unter deutlichen Heavy-Metal-Einflüssen dar. Auch auf den klassischen Progressive Rock und den Neoprog kommen Rückgriffe vor. Man kann Progressive Metal kurz und knapp als "Progressive Rock im Heavy-Metal-Gewand" charakterisieren. Vor allem die Gitarrenspielweise entspricht dem (gemäßigten) Heavy Metal. Die eigentliche musikalische Struktur und mehr noch die Grundhaltung hingegen ist eindeutig die des Progressive Rock, weswegen diese Musik von vielen Metalfans nicht als Metal anerkannt wird. Die Texte behandeln verschiedenste Thematiken aus Literatur, Philosophie und anderen Bereichen. Der härteren Musik entspricht eine dunklere Färbung auch der Textinhalte gegenüber dem klassischen Progressive Rock.

Die Bezeichnung "Progressive Metal" wird in der Metalszene häufig inflationär verwendet und bezeichnet oft Musik, die nur schwache Anklänge an Progressive Rock aufweist. Manchmal reicht schon ein Keyboarder in der Band aus (was viele Metalfans als "Verwässerung" des Metal ansehen), um eine Metalband als "Progressive Metal" zu bezeichnen. Vor allem dann, wenn von "Progressive Death Metal", "Progressive Black Metal" oder ähnlichen Begriffsmonstern die Rede ist, ist mit "Progressive" oft nur ein schwacher Anklang an den Progressive Rock gemeint.

New Artrock

New Artrock bezeichnet verschiedene Progressive-Rock- bzw. Artrock-Gruppen der späten 90er Jahre und der Zeit danach, die sich nicht ohne weiteres dem Neoprog, dem Retroprog oder dem Progressive Metal, aber auch nicht dem Nu Prog zugerechnet werden können. Die Bezeichnung ist ziemlich vage und die Begriffsbildung noch im Fluss. Vielleicht ist eine trennschärfere Bezeichnung wie etwa "Millennium Prog" (in Bezugnahme auf die Popularität dieser Richtung um die Jahrtausendwende) geeigneter. Bekannte Bands dieser Richtung sind RPWL, Riverside und die späteren Phasen von Marillion und Porcupine Tree. Häufig wird die Bezeichnung "New Artrock" auch auf Gruppen wie Radiohead oder Muse angewandt, die am Rand des Progressive Rock stehen.

Nu Prog

Nu Prog (auch New Prog) ist ein uneinheitliches Konglomerat von Stilen im Bereich des Progressive Rock, das sich um die Jahrtausendwende herausbildete und Elemente von Alternative Rock und Progressive Rock verbindet. Hier kommt Gegensätzliches zusammen, denn der Alternative Rock steht zumindest ideell in der Tradition der gegen den klassischen Progressive Rock (aber mindestens ebensosehr gegen kommerzielle Pop-Produktionen) gerichteten Punk-Revolution. Solche Versöhnung von Gegensätzen ist in der Geschichte des Progressive Rock aber nichts Neues; schon der Progressive Metal hat eine Brücke zwischen den ursprünglich einander sehr fremden Musikrichtungen Progressive Rock und Heavy Metal geschlagen. Bekannte Bands sind Coheed and Cambria und The Mars Volta.

Bisweilen wird neuerdings auch Musik als "Prog Rock" bezeichnet, bei der nur noch sehr schwache Anklänge an die Progressive-Rock-Tradition zu erkennen sind. Die Musik von Bands wie Tool oder Isis gehört beispielsweise hierher. (Siehe auch hier.)

Slipstream Prog

Slipstream Prog ist kein eigenständiger Stil, sondern einfach nur eine Bezeichnung, die ich für Musik geprägt habe, die von Künstlern stammt, die insgesamt gesehen nicht dem Progressive Rock zugehören, aber dennoch Merkmale des Progressive Rock aufweist. (Die Bezeichnung ist angelehnt an "Slipstream SF", eine Bezeichnung des US-Schriftstellers Bruce Sterling für Literatur, die nicht als Science Fiction publiziert worden ist, aber dennoch den Charakter von Science Fiction hat.) Die bekanntesten Slipstream-Prog-Stücke dürften die Bohemian Rhapsody von Queen und Stairway to Heaven von Led Zeppelin sein.

Abgrenzungen

Es gibt eine Reihe von Missverständnissen rund um den Begriff "Progressive Rock". Es gibt diverse Bezeichnungen, die oft als Synonyme betrachtet werden, aber tatsächlich anderes bedeuten.

"Bombastrock"

"Bombastrock" ist keine trennscharfe Stilbezeichnung, sondern nur ein Schlagwort für jede Art von Rockmusik, die nach Ansicht des jeweiligen Autors übertrieben aufwändig daherkommt. In der Musikpresse wird Progressive Rock, wenn er denn überhaupt erwähnt wird, oft als "Bombastrock" bezeichnet. Diese Bezeichnung wird aber auch für jede besonders aufwändige Rock-Produktion verwendet, ob sie nun mit Progressive Rock zu tun hat oder nicht.

Classic Rock

Unter Classic Rock wird heute meistens die Rockmusik der 1960er bis 1980er Jahre verstanden. Darunter fällt natürlich unter anderem auch der gesamte klassische Progressive Rock, aber auch alles andere, was in dieser Zeit an Rockmusik entstand, abgesehen von Punk und Heavy Metal. Manchmal werden in den Begriff "Classic Rock" auch jüngere Richtungen der Rockmusik einbezogen, solange sie nicht den Bereichen Punk/Alternative oder Metal angehören. Nach dieser erweiterten Definition würden auch Neoprog und Retroprog zum Classic Rock gehören.

Von dieser Bedeutung der Bezeichnung "Classic Rock" ist eine andere Verwendung zu unterscheiden, die Rockmusik mit Einflüssen von akademischer Musik meint. Alle paar Jahre kommt eine Mode auf, Rockmusik für Sinfonieorchester zu arrangieren; viele Rockgruppen greifen auch gern mal auf klassische Orchester zurück, um eine "klassische Atmospäre" zu realisieren. Dies ist sowohl im Progressive Rock als auch anderswo anzutreffen.

Avantgarde

Ein Begriff, der mit dem Begriff des Progressive Rock in einem Spannungsverhältnis steht, ist der der Avantgarde. Unter Avantgarde (franz. 'Vorhut') versteht man eine künstlerische Bewegung, die das Althergebrachte verwirft und Neuland erschließt. Die Avantgarde ist eine Erscheinung des 20. Jahrhunderts; es gab derartig radikale Bewegungen in früheren Jahrhunderten kaum, und es scheint, dass sich die Avantgarde heute, im 21. Jahrhundert, weitestgehend totgelaufen hat.

Es war schon in der klassischen Ära des Progressive Rock umstritten, ob Progressive Rock Avantgarde ist oder nicht. Heute wird diese Frage meist negativ beantwortet (es gibt Ausnahmen; so bezeichnet etwa Bill Martin in seinem Buch Listening to the Future den Progressive Rock als eine "populäre Avantgarde"). Es wird gern darauf verwiesen, dass der Progressive Rock lediglich eklektisch zusammenbringe, was in verschiedenen Musikrichtungen schon vorher existierte. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Die Kompositionsweisen der Avantgarde der akademischen Musik (Zwölftontechnik, serielle Musik, usw.) wurden vom Progressive Rock, abgesehen vom Avant-Prog, kaum aufgegriffen. Das von Avantgarde-Komponisten wie Karlheinz Stockhausen entwickelte Verfahren der Tonbandkomposition, bei dem die Musik nicht mehr von Musikern interpretiert, sondern vom Komponisten im Studio ähnlich wie ein Film montiert wird, spielt im Progressive Rock ebenfalls keine große Rolle.

Andererseits wäre ein stärkeres Anknüpfen an diese Avantgarde kaum geeignet gewesen, den Status einer echten Avantgarde zu erlangen - denn als der Progressive Rock aufkam, war ebendiese Avantgarde schon wieder überholt. Ein akademischer Komponist konnte mit Zwölftonreihen und Tonbandcollagen keinen Blumentopf mehr gewinnen; vielmehr greifen die Komponisten der 60er und folgenden Jahre wieder verstärkt auf traditionellere Musikformen sowie auf musikalische Strömungen jenseits des akademischen Elfenbeinturms, etwa auf Jazz, Rock und Musik nichtwestlicher Kulturen, zurück.

Schließlich ist zum Verhältnis zwischen Progressive Rock und akademischer Avantgarde noch anzumerken, dass es dem Progressive Rock unterm Strich eher guttat, dass er sich nicht auf das Nachäffen der akademischen Avantgarde einließ - denn die Avantgarde erwies sich als sperrig und steril. Die Schönbergs und Stockhausens verjagten mit ihren bizarren Klanggebilden das Publikum aus den Konzertsälen, so dass dort heute fast nur noch ältere Musik gespielt wird. Diese ungute Entwicklung wiederholte sich in den 60er Jahren ähnlich im Jazz. Dadurch entstand eine Leerstelle, die der Progressive Rock ausfüllen konnte. Den jungen Intellektuellen der späten 60er und frühen 70er Jahre bot der Progressive Rock eine Musik, die gleichzeitig anspruchsvoll, modern und leicht zugänglich war. Wir können froh sein, dass der bittere Kelch der Avantgarde am Progressive Rock vorübergegangen ist.

In einem Nachsatz zu oben Gesagtem will ich der Frage nachgehen, was von Begriffen wie "Rock-Avantgarde" oder "Avantgarde-Rock" zu halten ist. Zweifellos gibt es Musik, die Dinge tut, die noch keine Rockmusik zuvor gemacht hat. Aber es stellt sich einerseits die Frage, ob etwas, das radikal genug ist, um "Avantgarde" genannt zu werden, nicht zu radikal ist, um noch als "Rock" zu gelten. Auch wurde (unter anderem von Tibor Kneif und seinem Schüler Bernward Halbscheffel) das Argument vorgebracht, dass "Avantgarde" eigentlich unteilbar sei. Wenn man eine "Rock-Avantgarde" zulässt, warum dann nicht auch eine "Pop-Avantgarde" oder gar eine "Schlager-Avantgarde"? Tatsächlich ist die Bezeichnung "Avantgarde" in der Rockmusikpresse zu einem Schlabberwort verkommen, das alles und nichts bezeichnen kann, und dazu benutzt wird, Musik als "interessant" zu verkaufen.

"Innovativer" Rock

Ebenfalls vom Begriff "Progressive Rock" zu unterscheiden ist das, was man erhält, wenn man die Bezeichung in ihre Wortbestandteile zerlegt. Es gibt zweifellos Musik, die Rock und im eigentlichen Wortsinne "progressiv", oder sagen wir besser (um das hier angesprochene Missverständnis zu vermeiden) innovativ ist. Zweifellos war der klassische Progressive Rock beides, und ist guter Progressive Rock auch heute noch. Aber der Progressive Rock hatte nie ein Monopol auf Innovation in der Rockmusik. Es gibt sicher viele innovative Rockbands, die mit Progressive Rock nichts zu tun haben, aber allemal innovativer sind als etwa Pendragon oder die Flower Kings. Viele dieser Bands laufen unter der Bezeichnung Postrock, die aber sehr unscharf ist und von der Musikpresse inflationär verwendet wird.

Psychedelic Rock

In den späten 60er Jahren experimentierten viele Rockmusiker mit bewusstseinsverändernden ("psychedelischen") Drogen. Aus diesen Experimenten gingen Musikformen hervor, die die Drogenerfahrungen akustisch umzusetzen versuchten. Dies wird als Psychedelic Rock bezeichnet. Die Grenzen zwischen Psychedelic Rock und Progressive Rock waren zum Teil fließend, und der Psychedelic Rock gehört unzweifelhaft zu den stärksten Einflüssen in der Jugendphase des Progressive Rock; eine Gleichsetzung ist indes nicht möglich. Einige Bands (wie Pink Floyd) bewegten sich vom Psychedelic Rock zum Progressive Rock, aber die meisten Psychedelic-Rock-Bands fanden diesen Weg nie, und die meisten Progressive-Rock-Gruppen haben auch nie Psychedelic Rock gemacht. Es ist nun mal so: um ein komplexes Progressive-Rock-Stück wie Close to the Edge (Yes) oder A Change of Seasons (Dream Theater) zu schreiben und zu spielen, braucht man einen klaren Kopf, und die Unterschiede zwischen solchen Stücken und dem bekifften Gedudel etwa der Grateful Dead oder einer beliebigen heutigen Stonerrock-Band sind riesig.

Postrock

Postrock ist eine Bezeichnung, die von der Musikpresse für Musik verwendet wird, die im Rock wurzelt, aber die Grenzen der Rockmusik "überwindet". Diese Definition ist sehr schwammig und nichtssagend. Man kann ohne große Überspitzung sagen, dass Postrock das ist, was der jeweilige Autor so benennen will. Letzten Endes ist "Postrock" nur ein Gummiwort der Musikpresse, das dazu dient, Musik aus dem Alternative-Rock-Bereich als besonders "interessant" und "innovativ" zu verkaufen.

"Prog-Rock" im Sinne der heutigen Musikjournaille

In der Musikpresse wird bisweilen Musik als "Prog-Rock" (die Vollform "Progressive Rock" begegnet eher selten) bezeichnet, die sehr wenig Ähnlichkeit mit dem klassischen Progressive Rock oder dessen modernen Nachfolgern hat. Die bekanntesten Vertreter sind Tool, Isis und Oceansize.

Die Gemeinsamkeiten mit dem Progressive Rock erschöpfen sich im Wesentlichen in der Länge der Stücke, die den üblichen Single-Rahmen sprengt, und in der häufigen Verwendung "krummer", komplexer Rhythmen. In praktisch allen anderen Punkten ist diese Musik sehr verschieden vom Progressive Rock. Die Arrangements sind sehr repetitiv, über ein durchlaufendes, oft auf einem einzigen Akkord basierendes Ostinato im Bass werden zum Ende des Stücks hin immer dichter werdende Klangschichten gelegt. Man kann hier von einem Prinzip der sich steigernden Wiederholung sprechen.

In diesem Punkt besteht eine Ähnlichkeit zu der Art von musikalischen Struktur, die im Bereich der elektronischen Tanzmusik als "progressive" bezeichnet wird. Ansonsten freilich gibt es wenig Bezüge zwischen beiden Musikformen. Die komplexen Rhythmen, die etwa für Tool charakteristisch sind, sind in den "progressiven" Stilen der elektronischen Tanzmusik nicht üblich, da wird, wie generell in House und Techno üblich, in der Regel stur die Vier aufs Parkett geknallt, wie es der Funktion als Tanzmusik für Diskotheken entspricht.

Von den einschlägigen Künstlern wird die Bezeichnung "Prog-Rock" vielfach abgelehnt. So bezeichnet Tool-Frontmann Maynard James Keenan seine Musik als "Thinking Man's Metal" und bestreitet, "Prog-Rock" zu machen - weil er weiß, was Progressive Rock ist, und damit nichts zu tun hat und nichts zu tun haben will.

Ein potentieller Lichtblick in diesem Begriffskuddelmuddel liegt vielleicht darin, dass diese "missbräuchliche" Verwendung der Bezeichnung "Prog-Rock" die Mauer des Schweigens untergräbt und das zunehmende Interesse an "Prog-Rock" irgendwann zu einer Wiederentdeckung des Progressive Rock führen könnte.

Ausblick

Auch wenn die großen Musikzeitschriften ihn immer noch totzuschweigen versuchen, ist der Progressive Rock auch heute keineswegs "tot", obwohl seit Mitte der 90er Jahre Stagnation eingetreten ist. Fernab des Mainstreams existiert eine Fangemeinde, die sich via Internet zunehmend vernetzt, und es existieren (kleine) Plattenlabels wie InsideOut Music und Frontiers Records, die schwerpunktmäßig Progressive Rock verlegen und davon leben können. Sicher steht schon längst eine fünfte Generation von Bands in den Startlöchern, die bald mit neuen, interessanten Varianten des Progressive Rock von sich reden lassen werden. Von einem baldigen Ableben des Progressive Rock kann keine Rede sein.

Wo bekomme ich Progressive Rock?

Na, neugierig geworden? Dann stellen Sie sich wahrscheinlich die Frage, wo man diese Musik bekommt. Tatsache ist: man bekommt sie da, wo man andere Musik auch bekommt. Progressive-Rock-CDs sind, wenn es sich nicht um Raritäten oder Kleinstlabel-Produktionen handelt, im normalen Schallplattenhandel erhältlich. Man kann sie dort zumindest bestellen; ist der Laden gut sortiert, findet sich auch das eine oder andere griffbereit im Regal. Eintrittskarten zu Konzerten gibt es an den üblichen Vorverkaufsstellen.

Man muss nur wissen, wonach man fragen muss. Woher weiß man das? Nun, die besten Informationsmöglichkeiten finden sich wie so oft im Internet. Es gibt eine Reihe von Websites und Foren zum Thema Progressive Rock. Die wichtigsten sind der folgenden Linkliste zu entnehmen.

Literatur


© 2010-2014 Jörg Rhiemeier
Letzte Änderung: 2014-02-11